Anonym

Ich tu so als hätte ich nichts gehört. 
Ich bin heute mit dem Zug in die Heimat gefahren. 
Ich fahr gerne Zug, denn ich mag das Gefühl mich fortzubewegen und gleichzeitig noch andere Dinge tun zu können. 
Und ich finde es auch immer interessant zu sehen wie sich andere Menschen verhalten. Ich überlege mir gerne, wo sie wohl hinfahren, wie ihr Leben aussieht. 
Heute saß schräg hinter mir ein kleines Mädchen, die angerufen wurde und am Telefon ihrer Freundin gesagt hat: ‚Meine Mutter hat mich rausgeschmissen. Ich glaube ich fahre jetzt zu meinem Vater’ und dabei kurz vorm weinen war. 
Es hat mir in der Seele weh getan. Ich kenne dieses Gefühl. Ich weiß wie es einfach weitergegeben zu werden. Sich wie ein Spielzeug zu fühlen, dass man wenn man keine Lust mehr hat, weitergibt.
Nur ich wusste nicht genau wie ich mich verhalten soll. Die Menschen um mich rum haben entweder wirklich nichts gehört oder zumindest so getan. 
Ich habe zu dem Mädchen gesagt: ‚Rutsch mal ein Stück‘. Ich habe sie gefragt wie alt sie ist und ob ihr Vater weiß, dass sie gerade auf dem Weg zu ihm ist. Sie war kurz vorm weinen. 
Ich habe ihr versucht zu erklären, dass sie nichts dafür kann. Dass Eltern auch manchmal einfach überfordert sind. Ich habe ihr gesagt, wie toll sie ist, dass sie mit 13 schon so selbstverständlich alleine mit dem Zug zwischen den großen Städten fährt und sich das selber organisiert.
Ich wollte so viel mehr sagen und hatte gleichzeitig Angst vielleicht nicht das Richtige zu sagen. Dann musste sie schon aussteigen. 
Ich glaube sie hat sich wenigstens ein bisschen besser gefühlt und sie hat sich bedankt, dass ich mich neben sie gesetzt habe. 
Was ich damit sagen will? 
Helfen wir einander und tun nicht einfach so als hätten wir nichts gehört. 
Und was ich für mich gelernt habe?
 Ich will lernen. Ich will wissen welche Worte die Richtigen sind. 
Und gleichzeitig ist es doch das, was unser Leben ausmacht oder nicht? Die menschlichen Beziehungen, das Einander, das Zusammen.

Hört bitte hin.

Eure Judy

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